Freitag, 10. Oktober, Campo Grande, 22:45 Uhr Ortszeit. Der Airbus 320 der TAM landet hart auf der regennassen Piste des Flughafens in Campo Grande, der Hauptstadt des Bundesstaats Mato Grosso do Sul. Soeben hatte er eine Schlechtwetterfront durchflogen und wurde durch die Windböen bis wenige Sekunden vor der Landung kräftig geschüttelt. Ein Teil der aus Sao Paulo kommenden Fluggäste hatte bereits ein Stoßgebet hinter sich. Auch Lemi war etwas beunruhigt. Schließlich war es ein ehrwürdiges Datum, an dem man nicht gerade durch einen Flugzeugabsturz sterben sollte. Lemi war auf Jahr und Tag 14 Jahre in Brasilien. 14 Jahre, die ebenso turbulent wie der soeben glücklich beendete Flug waren.
Der Flugkäpt´n verabschiedete sich standesgemäß von seinen Gästen. Beim Herauslaufen schaute ich ihm in die Augen, die keinerlei Nervosität verrieten. Alles schien im grünen Bereich gewesen zu sein ... ich war froh, dass er sein Arbeitsgerät besser beherrschte als die Mehrheit seiner Gäste vermutete.
Vor uns standen 5 Tage im Pantanal, genauer gesagt im südlichen Teil des größten Sumpfgebiets der Welt.
Durch das hohe Arbeitspensum war Lemi kaum in der Lage gewesen, eine ordentliche Planung des Kurzurlaubs vorzunehmen. Die TAM-Tickets wurden aus den zusammengeflogenen Meilen der letzten 9 Monate gebucht. Die Farm nähe Miranda wurde schnell im Internet herausgesucht und per Mail gebucht. Es blieb kaum Zeit auch nur einen Blick auf eine Landkarte zu werfen. Alles andere wurde dem Zufall überlassen.
Unter roten TAM-Regeschirmen wurden wir in die Abflughalle geleitet. Der Flughafen schien nicht mehr der gleiche zu sein, auf dem ich vor mehr als 13 Jahren versehentlich bei einer Zwischenlandung ausgestiegen bin ...
Damals, noch jung und ungeküsst, natürlich kaum portugiesisch sprechend, flog ich durch etliche Zwischenlandungen unterbrochen, mit einem VASP-Flieger von Belo Horizonte nach Cuiabá. Während des Landeanflugs verstand ich, bei den sowieso schon schlecht verständlichen Durchsagen, natürlich nur in Portugiesisch, nur das für mich entscheidende Schlüsselwort CUIABÁ. In meiner Vorfreude endlich angekommen zu sein, hatte ich allerdings die Durchsage fehlgedeutet, denn sie lautete: „Zwischenlandung in Campo Grande auf dem Weg nach Cuiabá“ …kurzerhand packte ich mein Handgepäck und ging an die Gepäckausgabe.
Als ich dort vergeblich wartete, hielt ich einer der VASP-Angestellten aufgrund fehlender Sprachkenntnisse einfach mein Ticket unter die Nase. Diese erkannte sofort den Ernst der Lage und erklärte mir flugs, dass ich zu früh aus dem Flieger gestiegen bin. Ich war ziemlich geschockt, besser gesagt verzweifelt, denn es war kurz vor Mitternacht und weder ein anderer Flieger war zu erwarten, noch eine brauchbare Lösung, den am kommenden Vormittag gebuchten 3-Tage-Trip ins Pantanal anzutreten.
Die Flughafenhalle hatte die Größe eines gewöhnlichen brasilianischen Supermarkts, allerdings war das Bodenpersonal des Flughafens etwas dynamischer, wie sich in wenigen Minuten herausstellen sollte .... das bereits zum Startfeld zurückgerollte Flugzeug wurde nämlich kurzerhand über Funk von der VASP-Dame zurückgeordert, um einen verloren gegangenen Passagier wieder aufzunehmen! Das Wunder geschah tatsächlich ... der Flieger drehte bei und die Leute von der Rolltreppe schoben extra für Lemi ein zweites Mal die Treppe an den Flieger. Als ich in den Flieger stieg, senkte sich mein Adrenalinspiegel wieder auf Normalniveau und die weiteren Fluggäste schauten mich genervt an, da sie nun wegen dem Gringo noch später zu Hause ankommen würden. Mir war das damals aber ziemlich egal.
Ich hoffe nur, dass die VASP nicht wegen ihrem nahezu perfekten Kundenservice Pleite gegangen ist. Dies wäre wirklich tragisch und unverzeihbar.
Nun stand ich wieder in diesem Flughafen, der nun modern und steril war. Es regnete wie aus Eimern …
Das Flughafenpersonal öffnete deshalb die Türen und lies etwas von der frischen und kühlen Regenluft in die Halle strömen, um sich mit dem tagsüber angesammelten 40 Grad heißen Dunst zu vermischen.
Ich hatte mir einen Tag vor Abflug noch Gedanken gemacht, wie ich am besten zu unserer Hotel-Fazenda nähe Miranda kommen würde. Ich schickte deshalb noch mal eine Mail nach Miranda und erfuhr wenige Minuten später, dass der Flughafenabholer 1000 R$ kosten sollte! Oh Gott, stöhnte ich … sofort antwortete ich und teilte mit, dass ich meinen Transport selber organisieren werde und fragte auch gleich nach den Busverbindungen zur Fazenda. „Es gibt einen Bus bis Miranda und anschließend ein Taxi zur Fazenda. Der Bus kostet 37 R$ p.P und das Taxi 60 R$.“
Lemi kalkulierte schnell den Gesamtpreis und kam bei 4x37 R$ + 60 R$ auf knapp 420 R$ Hin- und Rückfahrt. Wieder stand eine Recherche im Internet ins Haus … die Busverbindungen ab Campo Grande war aber so beschissen, dass wir 2 von unseren 5 Tagen im Pantanal komplett verloren hätten … ohne lange zu überlegen, kam ich zur Option Nr. 3 … dem Mietwagen.
Nach einer kurzen Verhandlung am Telefon sank der Tagespreis für den kleinen 2-türigen Fiat Palio ohne Servolenkung und Klimaanlage von 85 auf 67 R$. Ich schlug ein. Für 335 R$ und ein bisschen mehr Freiheit hatten wir nun ein Auto vor Ort, welches ich mir bei der Autovermietung UNIDAS abholen wollte. Alles lief problemlos. Der kleine Dicke am Tresen erklärte mir auch zugleich, wie ich ins Stadtzentrum von Campo Grande komme, um mich dort nach einer Unterkunft für 1 Nacht umzusehen. Mittlerweile war es Mitternacht und eine Fahrt zur Fazenda war praktisch unmöglich, Ich erinnerte mich an die Zeilen in der Anfahrtsbeschreibung der Fazenda-HP „Bitte fahren sie langsam, um keine nachtaktiven Tiere zu töten ...“.
Dass dieser Satz nicht grundlos dort stand, beobachtete ich am Folgetag während unserer 225 km langen Reise ins Pantanal. Zahlreiche tote Tiere, u.a. ziemlich große Ameisenbären, Gürteltiere und kleinere Vögel lagen am Straßenrand herum.
Zuvor übernachteten wir aber noch in der Pousada „Mato Grosso“ auf gleichnamiger Avenida im Zentrum der Stadt. Bei der Durchfahrt des Zentrums bemerkte ich schon, dass Campo Grande den Namen Hauptstadt nur auf dem Papier verdiente. Es war Freitagabend und die Bürgersteige schienen schon vor Stunden hochgeklappt worden zu sein. Die Pousada „Mato Grosso“ machte von außen einen sehr guten Eindruck. Wir entschieden uns dort einzukehren. Das 4-Bett –Zimmer sollte 120 R$ kosten. Mittlerweile war es kurz vor 1 Uhr nachts und die Lust auf eine billigere Bleibe wurde durch die Müdigkeit übertrumpft. Das Zimmer war primitiv, ähnelte einer Jugendherberge, in dem nur ein Bett und eine Decke wichtig waren, aber das war uns egal. Innerhalb weniger Minuten fielen alle 4 Zimmerbewohner in ihren wohlverdienten Schlaf.
Fortsetzung folgt ...
_________________ Man sieht sich ... Lemi
Minas Gerais ... quem te conhece, nunca te esqueçe jamais!
Zahlen schienen nicht gerade die Stärke des Pousada-Personals zu sein. Zur Freude unserer Kinder sagte der Nachtwächter, dass es schon ab 6:00 Uhr Frühstück gibt. Da unsere Kinder meist extrem früh und ausgehungert aufwachen, war diese Info für sie wichtig, stieß meiner Frau, die gerne auch mal bis mittags schläft etwas auf den Magen Wir einigten uns in etwa in der Mitte bei 8 Uhr Aufstehzeit. Wer Kinder hat, weiß, dass sie verschiedene Mittel zur Verfügung haben, um die Nerven der Eltern aufs Extreme anzuspannen. Mein Sohnemann war Spezialist darin und entschied sich gegen 6:30 Uhr den Fernseher in unserem Zimmer anzuschalten. Als er sah, dass es bereits so „spät“ war, ließ er sich nicht nehmen durch lautes Öffnen und vor allem Schließen der Tür zu überprüfen, ob das Nachtpersonal die Wahrheit gesagt hatte und prompt war das nicht der Fall. Den Fakt, dass eine halbe Stunde über der Zeit kein Frühstückstisch gedeckt war, war Grund genug die Eltern zu wecken und es ihnen mitzuteilen. Die Nacht war somit beendet. Nach einer kalten Dusche begaben wir uns gegen 7 Uhr in den Frühstücksraum, wo das Personal langsam anfing Tisch zu decken. Wiederum teilte mir mein Sohn unüberhörbar mit, dass das Frühstück bereits 1 Stunde verspätet sei. Die etwas korpulentere Dame, die die Tische eindeckte, wurde sichtlich nervös und verteidigte sich sofort: „Frühstück ist erst um 7 Uhr“. Mein 7-jähriger Sohn hatte gleich 2 Gegenargumente: „Erstens hat der Nachtwächter gesagt, es gäbe 6 Uhr Frühstück und zweitens ist es bereits nach 7 Uhr.“ Das hatte gewirkt …
Die Dame wurde nun noch hektischer. Und sichtlich schlecht gelaunter. Das wirkte sich nicht gerade auf die Qualität des Frühstücks aus. Genau dies warfen wir nun unserem Sohn vor, aber auch hier hatte er wieder eine Antwort parat: „Zu Hause gibt’s auch nicht mehr als hier. Also seid zufrieden!“
Nachdem wir das Frühstück beendet hatten und die Dame unter nachlassenden Stress auch wieder etwas ruhiger wurde, packten wir sogleich unseren Koffer und machten uns ans Bezahlen der Pousada. Bevor ich den Scheck ausfüllte, fragte ich noch mal sicherheitshalber nach dem Betrag. Manchmal irrt sich ja das Personal und man bezahlt plötzlich weniger … diesmal war es aber andersherum. Die gleiche Dame, die uns das Frühstück gemacht hatte, wollte nun plötzlich 160 R$ für die (halbe) Nacht und das mittelmäßige Frühstück. Eine längere Diskussion bahnte sich an …
Letztendlich behauptete sie, dass 120 R$ die Gebühr für ein Ehepaar ohne Kinder sei. Mit Kindern erhöht sich die Nacht auf 160 R$ … was sollte ich sagen? … ich hatte eigentlich ein 4-Bett-Zimmer gebucht und bin mir sicher, dass meine Kinder gestern Nacht nicht übersehen worden … eine Patt-Situation. Was sollte ich machen? Prellen wollte ich die Dame auch nicht, also bezahlte ich mehr oder weniger unzufrieden mit mir selbst und ging. Schließlich lag die Hoffnung nach einem schönen Stück Erde, dem Pantanal, nur einen Katzensprung von uns entfernt.
Campo Grande erwies sich als eine Stadt ohne Verkehrsschilder. Nach einer Weile bemerkte ich, dass ich einfach nicht aus dem Zentrum herauskam. Ich atmete tief durch und begann mich nach der Sonne nach zu orientieren. Ich wusste von der Landkarte, dass ich ziemlich geradeaus in Richtung Westen musste. Die Sonne sollte mir also vorläufig auf den Rücken scheinen. So fuhr ich eine Weile stur ein paar Kilometer bis ich endlich den Stadtausgang sah. Die Frage war nur, ob es der Richtige war. An einer furchtbar nach Gülle stinkenden Fahrradwerkstatt hielt ich an und fragte nach, was ich eigentlich schon wusste. Ich war auf dem Weg in Richtung Miranda, der unserer Fazenda am nächsten gelegenen Stadt. Die Welt war also wieder in Ordnung.
Die BR 262 erwies sich als ein perfekter Reisegefährte. Sie war schnurgerade und in einem sehr guten asphaltierten Zustand und ließ selbst bei Dauerregen eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 100-120 km/h zu.
Nach ca. 210 km bogen wir dann kurz vor Miranda in Richtung Norden ab. In einem Dorf namens Agachi war der Asphalt zu Ende und es ging noch mal ca. 15 km über eine bei Regen ziemlich rutschige Erdstrasse. Unterwegs sahen wir bereits Schilder unserer Fazenda. Nach 3 Stunden Fahrt hatten wir die 250 km hinter uns gelassen und waren in unserem kleinen Naturparadies angekommen. Es hatte den klangvollen Namen:
Fazenda Caçimba de Pedra – Reino Selvagem
Fortsetzung folgt ...
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